Länderprofil
Abbildung Türkei - aktuell

Türkei

Gültigkeit Seit 01.01.2002
Amtssprache Türkisch

Beschreibung

Die Türkei verfügt über ein modular aufgebautes Berufsbildungssystem, welches vorwiegend schulisch und zentralstaatlich organisiert ist. Daneben gibt es auch eine duale Berufsausbildung, die systemisch der deutschen gleicht. Voraussetzung für die Aufnahme einer Berufsausbildung – sowohl schulisch aus auch dual - ist ein erfolgreicher Abschluss der 8-jährigen Primarschule. Der gesamte Bereich der beruflichen Sekundarbildung fällt in die Zuständigkeit des Ministeriums für Nationale Bildung (tr: Milli Eğitim Bakanlığı).

Vollzeitschulische Berufsausbildungsgänge werden in 5 verschiedenen Schultypen durchgeführt:

  • berufliches Gymnasium (Meslek Lisesi),
  • Industrie-Berufsgymnasium (Endüstri Meslek Lisesi),
  • Anadolu-Berufsgymnasium (Anadolu Meslek Lisesi),
  • technisches Gymnasium (Teknik Lisesi),
  • Anadolu-Technik-Gymnasium (Anadolu Teknik Lisesi).

Zusätzlich zum  Abschluss der Primarschule müssen die Jugendlichen eine Aufnahmeprüfung bestehen, um an diesen Schulen mit der 3- bzw. 4-jährigen Ausbildung zu beginnen.

Die 5 Schultypen sind wie folgt zu charakterisieren: Die beruflichen Gymnasien weisen im Vergleich zu den technischen Gymnasien eine stärkere berufsspezifische Orientierung auf. Anadolu Gymnasien (technische und berufliche) unterscheiden sich von den anderen Schultypen durch eine deutlich stärkere Fremdsprachenorientierung. Zum einen ist der Umfang an Fremdsprachenunterricht größer und zum anderen werden auch einzelne berufsbezogene Fächer in Fremdsprachen, bei denen es sich zumeist um Englisch handelt, unterrichtet.

Mit dem Abschluss der vollzeitschulischen Berufsausbildung erwerben die Jugendlichen eine Doppelqualifikation: eine abgeschlossene Berufsausbildung und die allgemeine Hochschulreife. Die Inhaber dieser Diplomasi, bei denen jeweils der Schultyp im Titel angeführt ist - Teknik Lise Diplomasi, Anadolu Teknik Lise Diplomasi, Meslek Lise Diplomasi und Anadolu Meslek Lise Diplomasi -, können sich, ohne zusätzliche Berufserfahrung zu sammeln oder Meisterkurse zu belegen, direkt zur Meisterprüfung anmelden und bei Bestehen einen Ustalik Belgesi (Meisterbrief) erwerben.

Die Aufnahme eines Studiums ist für die Inhaber eines Diplomasi mit aufwendigen Zugangsprüfungen verbunden, da die Nachfrage die zur Verfügung stehenden Studienplätze bei weitem übersteigt. Neben den klassischen Hochschulstudiengängen bieten die Universitäten auch zweijährige höherqualifizierende Berufsbildungsgänge unterhalb des Bachelorniveaus an. Absolventen der Berufsgymnasien wird die Möglichkeit eingeräumt, sich für fachgebundene Ausbildungsgänge ohne Zugangsprüfung anzumelden. Nach erfolgreicher Beendigung einer höherqualifizierenden Berufsausbildung können sich die Absolventen mit ihrem Ön Lisans Diplomasi direkt einer Hochschule (ohne Zugangsprüfung) einschreiben.

Neben den vollzeitschulischen Berufsausbildungsgängen besteht in der Türkei auch die Möglichkeit, eine 2 bis 3 jährige duale Ausbildung mit dem Abschluss Kalfalik Belgesi zu absolvieren und im weiteren Verlauf der Berufskarriere den Meisterbrief (Ustalik Belgesi) zu erwerben. Im Jahr 2010 gab es 135 anerkannte Ausbildungsberufe, in denen jährlich  ca. 70.000 Jugendliche eine duale Berufsausbildung nach dem "Berufsbildungsgesetz 3308" begannen. Die Bestandszahl an Auszubildenden lag im Jahr 2009 bei knapp 180.000 (Quelle: European Training Foundation; Education and Business in Turkey 2010). Dies sind deutlich weniger als 10 % der Jugendlichen, die sich im Jahr 2010 in einer beruflichen Erstausbildung befanden. Dieser geringe Anteil ist darauf zurückzuführen, dass einerseits die Ausbildungsbereitschaft und –kapazitäten der Betriebe begrenzt sind und andererseits diese Form der Ausbildung in der Türkei keine hohe Akzeptanz genießt. Bei den praktischen Ausbildungsbestandteilen hat das Ministerium für nationale Bildung einige Kompetenzen an die TESK, dem Dachverband türkischer Gewerbetreibender und Handwerker, abgetreten. Zudem wurde ihr die Trägerschaft der überbetrieblichen „Zentren für Berufliche Bildung und Technologie" übertragen.

In zahlreichen Quellen wird berichtet, dass die so genannte traditionelle Berufsausbildung, die vorwiegend im handwerklichen Bereich oder im elterlichen Agrarbetrieb stattfand, auch heute noch praktiziert wird. Jedoch liegen darüber, insbesondere was den Umfang bzw. Stellenwert dieser Ausbildungsform anbetrifft,  keine validen Aussagen vor.

Aktuelle Reformprozesse

Das türkische Berufsbildungssystem war in den letzten Jahren zahlreichen Veränderungen unterworfenen. Dazu haben u.a. auch die Teilnahme an europäischen Bildungsprogrammen (wie z.B. Leonardo Da Vinci, Erasmus und Comenius (seit 2004) sowie EU-Verhandlungen mit der der Türkei zu einem möglichen EU-Beitritt beigetragen.

Hervorzuheben sind vor allem folgende Reformen:

  • im Jahr 2001 wurde beschlossen, die Ausbildungsdauer der beruflichen Gymnasien von 3 auf 4 Jahre zu erhöhen. Seitdem verfügen Absolventen dieser Schulen über die allgemeine Hochschulreife. Zudem können sie ihre Ausbildung fachgebunden ohne Zugangsprüfungen an höheren Berufsschulen fortsetzen oder direkt an einer Meisterprüfung teilnehmen (Berufsbildungsgesetz Nr. 3308, § 30 Absatz 6)
  • Bildungsreform 2005: Die Reformbemühungen richten sich insbesondere darauf, unter Einbeziehung von Betrieben die allgemeine und berufliche Bildung stärker zu vernetzen, Praxisnähe herzustellen und Qualitätsstandards zu entwickeln. Einzelne Berufsschulzentren neuen Typs wurden durch Industrie, Sozialpartner und in Kooperation mit ausländischen Partnern (BIBB, Firmen/Hochschulen) aufgebaut. Im Rahmen eines neu aufgelegten Großprojekts unter Beteiligung der türkischen Industrie- und Handelskammer (TOBB) soll der private Sektor erstmalig in das System der Berufsausbildung an 111 ausgesuchten Berufsgymnasien einbezogen werden. Gleichzeitig soll mit Hilfe eines Aktionsplans die Rolle der Kammern im Prozess der beruflichen Bildung institutionalisiert werden.

Historische Entwicklung

Berufsbildungssystem von 1997 bis 2001
Gültigkeit: 01.01.1997 - 31.12.2001

Beschreibung

Im 1998 wurde in der Türkei die 8-jährige Schulpflicht eingeführt, zuvor waren es lediglich 5 Jahre. Während bei vollzeitschulischen Berufsausbildungsgängen auch vor 1998 eine 8-jährige Schulbildung zu den Zugangsvoraussetzungen zählte, waren es bei den dualen Ausbildungsgängen nur 5 Jahre. D.h., das Bildungsniveau der Jugendlichen, die eine duale Ausbildung begonnen haben, hat sich seit 1998 deutlich erhöht.

Auch im schulischen Berufsbildungssystem waren gegenüber dem aktuellen, einige Änderungen zu verzeichnen. Die Ausbildungsdauer war zwischen 1997 und 2001 in den Berufsgymnasien ein Jahr kürzer als in den technischen Gymnasien. In den Berufsgymnasien konnte man daher nur die fachgebundene Hochschulreife erwerben, während ein erfolgreicher Abschluss der  technischen Gymnasien  zur allgemeinen  Hochschulreife führte.

Bis 1991 war ausschließlich das Ministerium für nationale Bildung für die duale Berufsausbildung verantwortlich. Danach wurden einige Kompetenzen im Bereich der praktischen an die TESK, dem Dachverband türkischer Gewerbetreibender und Handwerker, übertragen.

Über den Stellenwert der sogenannten traditionellen Berufsausbildung (für ausführlichere Informationen siehe historische Entwicklung von 1986 bis 1997) liegen für den hier analysierten Zeitabschnitt keine validen Informationen vor.

Berufsbildungssystem von 1986 bis 1996
Gültigkeit: 05.06.1986 - 31.12.1996

Beschreibung

Das 1986 eingeführte Gesetz Nr. 3308 über die Lehrlingsausbildung und über die Berufsbildung stellte eine zentrale Zäsur für das türkische Berufsbildungssystem dar. Beispielsweise wurde mit diesem Gesetz der rechtliche Rahmen vom Übergang der traditionellen Berufsausbildung hin zu einem dualen Berufsausbildungssystem geschaffen. Auch gegenwärtig stellt dieses Gesetz - auch wenn es zwischenzeitlich mehrfach reformiert wurde - die Grundlage für die Ausgestaltung der beruflichen Bildung in der Türkei dar.

Bis 1998 gab es in der Türkei nur eine 5-jährige Schulpflicht. Danach konnten die Jugendlichen entweder auf eine 3-jährige allgemeinbildende oder berufliche Schule im Bereich der Sekundarstufe I wechseln bzw. eine duale oder eine sogenannte traditionelle betriebliche Berufsausbildung anstreben. Diese traditionelle Berufsausbildung, die in der Türkei zumeist unter informeller Bildung subsumiert wurde, war bis weit in die 90iger Jahre sehr weit verbreitet. Sie fand vorwiegend im handwerklichen Bereich oder im elterlichen Agrarbetrieb statt. Bei dieser Form der Berufsausbildung war der Meister eines Betriebs für die gesamte Ausbildung (Theorie und Praxis) verantwortlich. Selbst die Ausbildungsdauer lag in seinem Ermessensspielraum. Zu beachten ist, dass es kein fixes Datum gab, zu dem die traditionelle Berufsausbildung auslief.

Weiterführende Informationen

Quellen und Links

Ministeriums für nationale Erziehung
Republic of Turkey Ministry of National Education General Directorate of Technical and Vocational Education Ataturk Bulvari No: 98 Bakanliklar-ANKARA
Tel: ++90 312 419 14 10

An die nachfolgenden Emailadressen können allgemeine Anfragen zur beruflichen Bildung auch in Englisch verfasst werden:

E-Mail: digm@meb.gov.tr; earged@meb.gov.tr

Die meisten Informationen auf dieser Website liegen nur in türkischer Sprache vor. Es gibt jedoch einige Statistiken, die in englischer Sprache zum Download zur Verfügung stehen.

An die nachfolgenden Emailadressen können allgemeine Anfragen zur beruflichen Bildung auch in Englisch verfasst werden:

E-Mail: digm@meb.gov.tr; earged@meb.gov.tr

Weiterführende Informationen zur Berufsbildung in der Türkei liefern u.a. folgende Publikationen:

Die iMove Markstudie liefert zusammenfassende Informationen über das türkische Bildungssystem und die verantwortliche Stellen.

 

Informationen des Auswärtigen Amtes