Türkei
Beschreibung
Die Türkei verfügt über ein modular aufgebautes Berufsbildungssystem, welches vorwiegend schulisch und zentralstaatlich organisiert ist. Daneben gibt es auch eine duale Berufsausbildung, die betriebliches Lernen und schulische Ausbildung systematisch verbindet. Voraussetzung für die Aufnahme einer Berufsausbildung – sowohl schulisch als auch dual – ist ein erfolgreicher Abschluss der 8-jährigen Primarschule. Der gesamte Bereich der beruflichen Sekundarbildung fällt in die Zuständigkeit des Ministeriums für Nationale Bildung (tr: Milli Eğitim Bakanlığı).
Vollzeitschulische Berufsausbildungsgänge werden an sog. Berufliche und Technische Gymnasien (Mesleki ve Teknik Anadolu Lisesi) angeboten. Diese Bezeichnung resultiert aus der organisatorischen Zusammenführung der verschiedenen Berufsgymnasien ab dem Jahr 2014; die einheitliche vierjährige Ausbildungsdauer gilt bereits seit 2005. Zusätzlich zum Abschluss der Primarschule müssen die Jugendlichen eine Aufnahmeprüfung bestehen, um an diesen Schulen mit der 4-jährigen Ausbildung zu beginnen.
Mit dem Abschluss der vollzeitschulischen Berufsausbildung erwerben die Jugendlichen eine Doppelqualifikation: eine abgeschlossene Berufsausbildung und die allgemeine Hochschulreife. Das Abschlussdiplom trägt einheitlich die Bezeichnung Diplom des beruflichen und technischen Gymnasiums (Mesleki ve Teknik Anadolu Lisesi Diploması), wobei im Diplom zusätzlich der absolvierte Programmtyp ausgewiesen wird: entweder der berufliche Zweig (Anadolu Meslek Programı) oder der technische Zweig (Anadolu Teknik Programı). Die Inhaberinnen und Inhaber eines solchen Diploms können sich unabhängig vom Programmtyp, ohne zusätzliche Berufserfahrung oder Meisterkurse, direkt zur Meisterprüfung anmelden und bei Bestehen den Meisterbrief (Ustalık Belgesi) erwerben.
Seit dem Schuljahr 2019/2020 besteht die Möglichkeit, das Diplom des beruflichen und technischen Gymnasiums an Berufsbildungszentren zu erwerben; in diesem Fall wird als Programmtyp das Berufsausbildungsprogramm (Mesleki Eğitim Programı) ausgewiesen. Gesellen und Meister können an diesem Diplomprogramm teilnehmen und das Diplom erwerben, sofern sie die vorgeschriebenen Ergänzungsfächer (Fark Dersleri) erfolgreich absolvieren.
Die Aufnahme eines Studiums ist für die Inhaber eines Diploms mit Zugangsprüfungen verbunden, da die Nachfrage die zur Verfügung stehenden Studienplätze bei weitem übersteigt. Neben den klassischen Hochschulstudiengängen bieten die Universitäten auch zweijährige höherqualifizierende Berufsbildungsgänge unterhalb des Bachelorniveaus an. Seit 2016 besteht kein prüfungsfreier Zugang zu diesen Studiengängen mehr; Absolventinnen und Absolventen der Berufsgymnasien erhalten jedoch bei der Bewerbung für fachlich einschlägige zweijährige Studiengänge einen Bonuspunktevorteil im Rahmen der zentralen Aufnahmeprüfung.
Nach erfolgreichem Abschluss eines zweijährigen Studiengangs an der Berufsfachhochschule einer Universität erwerben die Absolventinnen und Absolventen das Vorlizenz-Diplom (Ön Lisans Diploması). Über die sog. Vertikale Übergangsprüfung (Dikey Geçiş Sınavı) besteht anschließend die Möglichkeit, in bestimmten, fachlich verwandten Bachelorstudiengängen auf das dritte oder vierte Studienjahr aufzusteigen, da die im zweijährigen Studiengang erworbenen Qualifikationen anerkannt werden und eine entsprechende Verkürzung des regulär vierjährigen Bachelorstudiums ermöglichen.
Neben den vollzeitschulischen Berufsausbildungsgängen besteht in der Türkei auch die Möglichkeit, eine duale Ausbildung zu absolvieren. Diese wird vorrangig in Berufsbildungszentren (Mesleki Eğitim Merkezi) angeboten; das entsprechende Programm (Mesleki Eğitim Merkezi Programı) kann jedoch auch an beruflichen und technischen Gymnasien (Mesleki ve Teknik Anadolu Lisesi) durchgeführt werden. Im Zuge der Reform 2016/2017 wurden die Abschlüsse dieser Ausbildung neu geregelt: Wer das dritte Ausbildungsjahr (11. Klasse) erfolgreich abschließt, erwirbt den Gesellenbrief (Kalfalık Belgesi). Wer darüber hinaus auch das vierte Ausbildungsjahr (12. Klasse) erfolgreich abschließt, erwirbt den Meisterbrief (Ustalık Belgesi). Absolventinnen und Absolventen, die zusätzlich die vorgeschriebenen Ergänzungsfächer erfolgreich absolvieren, erhalten das Diplom des beruflichen und technishen Gymnasiums (Mesleki ve Teknik Anadolu Lisesi – Mesleki Eğitim Merkezi Programı Diploması).
Historische Entwicklung
Berufsbildungssystem von 2014 bis 2016

Beschreibung
Im Zuge einer umfassenden Reform des türkischen Bildungssystems wurden zwischen 2014 und 2016 wesentliche strukturelle Veränderungen im Bereich der beruflichen Bildung umgesetzt. Die zuvor differenzierten Formen von Berufsgymnasien (z. B. Industrie-, Technik-, Gesundheits- oder Anadolu-Berufsgymnasien) wurden organisatorisch zusammengeführt und im neuen Schultyp des „Mesleki ve Teknik Anadolu Lisesi“ gebündelt, der eine einheitliche vierjährige Ausbildung vorsieht. In diesem Zuge wurde auch das eigenständige Sağlık Meslek Lisesi (Gesundheitsberufsgymnasium) aufgelöst und in die neuen beruflich-technischen Anadolu-Gymnasien integriert.
Analog zum allgemeinbildenden Bildungsgang, der weiterhin mit dem Abitur (Anadolu Lise Diploması) abschließt, erwerben Absolventinnen und Absolventen der beruflich-technischen Gymnasien ein entsprechendes berufsbezogenes Diplom. Im Diplom befindet sich ein zusätzlicher Hinweis darüber, ob der berufliche oder technische Lehrzweig absolviert wurde.
Der Zugang zur Hochschulbildung (Universitäten und Fachhochschulen) erfolgt grundsätzlich über zentrale Aufnahmeprüfungen. Bis zum Jahr 2016 bestand jedoch weiterhin die Möglichkeit eines fachgebundenen Zugangs zu Berufsfachhochschulen (Meslek Yüksekokulu) ohne zusätzliche Aufnahmeprüfung, sofern ein einschlägiger beruflicher Abschluss vorlag.
Auch im Bereich der dualen Berufsausbildung blieb ein praxisorientierter Bildungsweg bestehen. Die duale betriebliche Ausbildung (Mesleki Eğitim Programı) führte in der Regel zum Gesellenbrief (Kalfalık Belgesi) und eröffnete nach entsprechender Berufserfahrung, Berufsausbildung und Abschluss der Meisterprüfung die Möglichkeit zum Erwerb des Meisterbriefs (Ustalık Belgesi).
Insgesamt zielte die Reform auf eine stärkere Vereinheitlichung, Durchlässigkeit und bessere Anschlussfähigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung.
Berufsbildungssystem von 2005 bis 2013

Beschreibung
Ab dem Jahr 2005 wurde die Ausbildungsdauer an den Gymnasien in der Türkei einheitlich auf vier Jahre festgelegt – sowohl für allgemeinbildende Gymnasien als auch für alle Formen von Berufsgymnasien. Die jeweiligen Abschlüsse sowie die Regelungen zum Hochschulzugang blieben gegenüber dem vorherigen Zeitraum unverändert.
Im Bereich der dualen betrieblichen Ausbildung verkürzte sich die Ausbildungsdauer je nach Vorbildung: Absolventinnen und Absolventen mit mindestens einem Grundbildungsabschluss absolvierten je nach Fachrichtung eine zwei- bis dreijährige Ausbildung; verfügten sie mindestens über einen Gymnasialabschluss, verkürzte sich die Ausbildungsdauer je nach Fachrichtung auf ein bis eineinhalb Jahre. Der Abschluss erfolgte weiterhin mit dem Gesellenbrief (Kalfalık Belgesi), mit der Möglichkeit des anschließenden Erwerbs des Meisterbriefs (Ustalık Belgesi).
Berufsbildungssystem von 1997 bis 2004

Beschreibung
1997 wurde in der Türkei die achtjährige Schulpflicht eingeführt. Im Anschluss an die achtjährige schulische Grundbildung konnten die Schülerinnen und Schüler im Sekundarbereich II zwischen dem Besuch eines allgemeinbildenden Gymnasiums und verschiedenen Formen von Berufsgymnasien (z. B. Industrie-, Technik-, Gesundheits- oder Anadolu-Berufsgymnasium) wählen.
Der Besuch eines allgemeinbildenden Gymnasiums schließt mit dem Abitur (Anadolu Lisesi Diploması) ab, während an den Berufsgymnasien ein berufsbezogenes Diplom erworben wird. Beide Abschlüsse berechtigen grundsätzlich zum Zugang zur Hochschulbildung, sofern die entsprechenden Aufnahmeprüfungen bestanden werden. Im Unterschied zum allgemeinbildenden Abitur konnte das Diplom eines Berufsgymnasiums je nach Fachrichtung auch einen fachgebundenen Hochschulzugang ohne zusätzliche Aufnahmeprüfung ermöglichen.
Im Bereich der dualen Berufsausbildung bestand parallel dazu ein stärker praxisorientierter Bildungsweg. Nach der Grundbildung konnten Schülerinnen und Schüler eine duale betriebliche Ausbildung beginnen, die in der Regel drei bis vier Jahre dauerte und mit einem Gesellenbrief (Kalfalık Belgesi) abschloss. Darauf aufbauend bestand die Möglichkeit, durch zusätzliche Berufserfahrung und Qualifizierung den Meisterbrief (Ustalık Belgesi) zu erwerben, wobei der Zugang sowie die Voraussetzungen für das Bestehen je nach Berufsfeld und Spezialisierung unterschiedlich geregelt waren.
Berufsbildungssystem von 1986 bis 1996
Beschreibung
Das 1986 eingeführte Gesetz Nr. 3308 über die Lehrlingsausbildung und über die Berufsbildung stellte eine zentrale Zäsur für das türkische Berufsbildungssystem dar. Beispielsweise wurde mit diesem Gesetz der rechtliche Rahmen vom Übergang der traditionellen Berufsausbildung hin zu einem dualen Berufsausbildungssystem geschaffen. Auch gegenwärtig stellt dieses Gesetz - auch wenn es zwischenzeitlich mehrfach reformiert wurde - die Grundlage für die Ausgestaltung der beruflichen Bildung in der Türkei dar.
Bis 1998 gab es in der Türkei nur eine 5-jährige Schulpflicht. Danach konnten die Jugendlichen entweder auf eine 3-jährige allgemeinbildende oder berufliche Schule im Bereich der Sekundarstufe I wechseln bzw. eine duale oder eine sogenannte traditionelle betriebliche Berufsausbildung anstreben. Diese traditionelle Berufsausbildung, die in der Türkei zumeist unter informeller Bildung subsumiert wurde, war bis weit in die 90iger Jahre sehr weit verbreitet. Sie fand vorwiegend im handwerklichen Bereich oder im elterlichen Agrarbetrieb statt. Bei dieser Form der Berufsausbildung war der Meister eines Betriebs für die gesamte Ausbildung (Theorie und Praxis) verantwortlich. Selbst die Ausbildungsdauer lag in seinem Ermessensspielraum. Zu beachten ist, dass es kein fixes Datum gab, zu dem die traditionelle Berufsausbildung auslief.
Weiterführende Informationen
Quellen und Links
Ministerium für nationale Erziehung
Republic of Turkey Ministry of National Education General Directorate of Technical and Vocational Education Ataturk Bulvari No: 98 Bakanliklar-ANKARA
Tel: ++90 312 419 14 10
An die nachfolgenden Emailadressen können allgemeine Anfragen zur beruflichen Bildung auch in Englisch verfasst werden:
E-Mail: digm@meb.gov.tr; earged@meb.gov.tr
Die meisten Informationen auf dieser Website liegen nur in türkischer Sprache vor. Es gibt jedoch einige Statistiken, die in englischer Sprache zum Download zur Verfügung stehen.
An die nachfolgenden Emailadressen können allgemeine Anfragen zur beruflichen Bildung auch in Englisch verfasst werden:
E-Mail: digm@meb.gov.tr; earged@meb.gov.tr
Weiterführende Informationen zur Berufsbildung in der Türkei liefern u.a. folgende Publikationen:
Die iMove Markstudie liefert zusammenfassende Informationen über das türkische Bildungssystem und die verantwortliche Stellen.
