Länderprofil
Abbildung Italien - aktuell

Italien

Gültigkeit Seit 01.09.2010
Amtssprache Italienisch, Französisch, Deutsch

Beschreibung

Italiens Berufsbildungssystem gliedert sich in staatlich und regional verwaltete Bildungsangebote. Die berufliche Ausbildung an staatlichen Schulen ist meist an der Bezeichnung „Schulbildung“  („istruzione“) zu erkennen. Die Berufs(aus)bildung in regionaler Verantwortung wird in der Regel als „formazione professionale“ bezeichnet.

Das Ministerium für Bildung, Hochschule und Forschung (Ministero dell'istruzione, dell'università e della ricerca - MIUR) ist zentrale Entscheidungsinstanz für alle Fragen des italienischen Bildungswesens.

Nach Besuch der 5-jährigen Grundschule sowie erfolgreichem Abschluss der 3-jährigen Mittelschule (sculola media/scuola secondaria inferiore) und Erhalt des „diploma di licenza conclusiva del primo ciclo di istruzione“ stehen den Schüler/innen verschiedene regionale und nationale Bildungsgänge der Sekundarstufe II zur Verfügung.

a) Nationale Angebote:

Zu den nationalen Bildungsangeboten zählen neben den Gymnasien (licei) die beruflichen Institute (istituti professionali) sowie die technischen Institute (istituti tecnici). Diese Bildungsgänge dauern jeweils 5 Jahre und führen zum Erreichen der Hochschulzugangsberechtigung („diploma di superamento dell‘ esame di stato conclusivo“). Zusätzlich erhalten Schüler/innen an den beruflichen Instituten den berufsbildenden Abschluss „tecnico“, während Schüler/innen auf den technischen Instituten den Abschluss „perito“ erwerben.

b) Regionale Angebote:

Die Berufs(aus)bildungsangebote der Regionen unterscheiden sich mitunter sehr stark von Region zu Region. Erst seit dem Jahr 2002 müssen sich Bildungsträger bei den Regionen nach national einheitlichen Kriterien akkreditieren lassen. Im regionalen System erworbene Abschlüsse sind erst seit dem Jahr 2003 national und EU-weit anerkannt.

Seit 1984 gibt es in den Regionen sogenannte „Arbeitsverträge mit Berufsausbildung“. Diese waren ursprünglich als Maßnahme gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit für Jugendlichen zwischen 15 und 29 Jahren gedacht. Die Dauer der Arbeitsverträge liegt zwischen 12 und 24 Monaten.

Seit dem Jahr 2003 existieren außerdem regionale berufsqualifizierende Bildungsgänge (istruzione e formazione professionale (ifp)) für Jugendliche unter 18 Jahren. Solche Bildungsgänge können auch von den Schulen des nationalen Systems in Kooperation mit regionalen Partnern organisiert werden. Oftmals werden diese Bildungseinrichtungen durch den Europäischen Sozialfonds unterstützt; dies ist dann auf den Zeugnissen vermerkt. Nach drei Jahren kann hier ein attestato di qualifica professionale – operatore“ (Zeugnis der Berufsqualifikation) erworben werden, nach einem weiteren Jahr das „diploma di qualifica professionale – tecnico“ (Diplom einer Berufsqualifikation).

Das italienische Berufsbildungssystem verfügt außerdem über eine Form der betrieblichen Lehre (apprendistato), die aber bislang nicht mit dem deutschen Modell vergleichbar ist, sondern vielmehr einen Arbeitsvertrag für Berufseinsteiger darstellt und jahrzehntelang nicht zu einem Berufsabschluss führte. Regional werden für 15- bis 25 jährige Jugendliche dreijährige „apprendistato diritto-dovere“ (Arbeits- und Lehrverträge) angeboten, die zu einem „attestato di qualifica professionale“ (Zeugnis einer Berufsqualifikation) und/oder zu einem „attestato di frequenza“ (Teilnahmebescheinigung) führen.

Eine Ausnahme bildet das System der Provinz Bozen-Südtirol. Hier gibt ein etabliertes System der betrieblich Erstausbildung nach deutschem Vorbild (nähere Informationen finden Sie unter den länderspezifischen Besonderheiten). 

 

Berufsbildung auf Post-sekundärer Ebene:

Seit 1999 gibt es Angebote höherer technischer Bildung (istruzione e formazione tecnica superiore (ifts)), die eine regionale Verbundausbildung darstellen und in der Regel über den Europäischen Sozialfonds finanziert werden. Hier können die Teilnehmer/innen nach ein bis zwei Jahren ein „certificato di specializzazione tecnica superiore“ (Zeugnis der höheren beruflichen Spezialisierung) in 48 technischen Berufsprofilen erwerben. Die Ausbildungen enthalten i.d.R. einen praktischen Anteil von mindestens 30 Prozent.

Seit 2008 können die Regionen, technische und berufliche Institute, akkreditierte regionale Bildungsträger, sowie Universitäten und Betriebe in Verbünden innerhalb ihrer jeweiligen Provinz istituti tecnici superiori (its) (Höhere technische Institute) einrichten. Diese werden aus ministeriellen, regionalen und/oder privaten Mitteln finanziert. Hier kann nach zwei bis drei Jahren das „diploma di tecnico superiore“ (Diplom der höheren Berufsqualifikation) erlangt werden.

Landesspezifische Besonderheiten

Fünf Regionen haben in Italien einen besonderen Autonomiestatus, der erweiterte Rechte u. a. im Bildungsbereich mit sich bringt: Friuli-Venezia-Giulia (Friaul-Julisch Venetien), Sardegna (Sardinien), Sicilia (Sizilien), Valle d'Aosta (Aostatal) und Trentino-Südtirol. Die Region Trentino-Südtirol besteht gemäß Artikel 116, Abs. 2 der italienischen Verfassung aus den autonomen Provinzen Triento (Trient) und Bolzano (Bozen).

In der Provinz Bozen (Südtirol) gibt es neben oben genannten Ausbildungsmöglichkeiten auch noch die duale Berufsausbildung, ähnlich wie in Deutschland. Die Lehre zum Erwerb eines Berufsbildungsdiploms/Gesellenbriefs bietet jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren die Möglichkeit, nach der Mittelschule einen praktischen Beruf zu erlernen. Sie findet an den beiden Lernorten Betrieb und Berufsschule statt und dauert je nach Beruf drei oder vier Jahre. Dreijährige Lehren führen zu einer beruflichen Qualifikation (Berufsbefähigungszeugnis), vierjährige Lehren zu einem Berufsbildungsdiplom. Informationen zum Unterricht an den Berufsschulen finden sich hier. Die angebotenen Lehrberufe und die Lehrzeiten sind in der Liste der Lehrberufe festgelegt.

Rahmenlehrpläne für die Lehrlingsausbildung der autonomen Provinz Bozen-Südtirol finden sie auf der Internetseite der Provinz Bozen-Südtirol. Die Lehrpläne werden teilweise auch in der autonomen Provinz Triento eingesetzt.

Aktuelle Reformprozesse

Italiens Bildungssystem ist in den vergangenen Jahren vielfach Objekt von Reformmaßnahmen gewesen.

Über die vergangenen Jahrzehnte haben sich die Fachrichtungen und Ausbildungsgänge der nationalen Bildungsgänge in der Sekundarstufe II immer stärker fragmentiert (zuletzt existierten z. B. an den technischen Instituten bis zu ca. 200 verschiedene Bildungsgänge). Seit dem Schuljahr 2010/2011 (Südtirol 2011/2012) gibt es an den instituti tecnici (technischen Instituten) nur noch zwei Bildungsgänge mit wirtschaftlicher und neun mit technologischer Ausrichtung. An den instituti professionali (beruflichen Instituten) wurde die Anzahl der Bildungsgänge auf vier Berufsbilder im Bereich Dienstleistungen und auf zwei im Bereich Industrie und Handwerk reduziert.

Seit dem Jahr 2003 befindet sich die betriebliche Lehre in einer Phase der Umgestaltung, deren Umsetzung auf regionaler Ebene unterschiedlich intensiv vorangetrieben wurde und wird.

Historische Entwicklung

Berufsbildungssystem von 1990 bis 1998
Gültigkeit: 01.09.1990 - 31.08.1998
Berufsbildungssystem von 1998 bis 2003
Gültigkeit: 01.09.1998 - 31.08.2003

Beschreibung

Einführung der Höheren technischen Bildung (istruzione e formazione tecnica superiore-ifts)

Auf post-sekundärer, nicht-tertiärer Ebene gab es in Italien lange Zeit kein Bildungsangebot mit systemischem Charakter, sondern lediglich vereinzelte Angebote unterschiedlicher regionaler Träger. Erstmals im Jahr 1999 wurden Angebote höherer technischer Bildung mit (istruzione e formazione tecnica superiore (ifts)) ins Leben gerufen, die eine regionale Verbundausbildung darstellen und in der Regel über den Europäischen Sozialfonds finanziert werden. Hier können die Teilnehmer/innen nach ein bis zwei Jahren ein „certificato di specializzazione tecnica superiore“  (Zeugnis der höheren beruflichen Spezialisierung) erwerben.

Berufsbildungssystem von 2003 bis 2010
Gültigkeit: 01.09.2003 - 31.08.2010

Beschreibung

Reformen des Sekundarbereichs II

Der Sekundarbereich II ist seit dem Jahr 2003 in erster Linie von formalen Umstrukturierungen betroffen gewesen, bei denen es vor allem um eine klarere Profilbildung für die unterschiedlichen Lernorte und Bildungsgänge, insbesondere der beruflichen Bildung, ging. Diese bewegen sich seit jeher in einem Spannungsverhältnis der Verantwortlichkeiten zwischen dem Nationalstaat und den Regionen. Während die technischen Institute formal den licei (Gymnasien) zugeordnet waren, betrafen Reformbemühungen primär die ebenfalls unter nationaler Verantwortung stehenden istituti professionali (beruflichen Institute). In den letzten Jahren wurden an beiden Instituten sukzessive die Wochenstunden von einst 40 auf heute 30 zurückgefahren und es wurden formale Maßnahmen getroffen, die eine Intensivierung des Austauschs mit der Arbeitswelt vorsehen. Um die regionale Berufsausbildung (formazione professionale), die bis zum Jahr 2003 nicht Teil des formalen italienischen Bildungssystems war, nach innen und nach außen aufzuwerten, wurde diese in den Stand des nationalen Bildungssystems gehoben und um allgemeinbildende Unterrichtsanteile erweitert. Formal können Absolventen der 3- bis 4-jährigen Kurse der istruzione e formazione professionale (Schul- und Berufsbildung für Jugendliche unter 18 Jahren) jederzeit in die Schulen des nationalen Systems wechseln und bekommen dort ihre bislang erbrachten Leistungen angerechnet.

An den instituti professionali (beruflichen Instituten) konnte bis zum Schuljahr 2009/2010 nach drei Schuljahren das „diploma di qualifica professionale – operatore“ erworben werden. Dieses Zwischenzeugnis wurde mit dem Schuljahr 2010/2011 abgeschafft. Ebenso wurde an den Kunstinstituten  der Erwerb des diploma di maestro d`arte (Diplom zum Kunsthandwerksmeister) nach dreijährigem Schulbesuch ab dem Schuljahr 2010/2011 abgeschafft.